Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!

Diesem Textteil aus dem Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von 1864, welches unten komplett wiedergegeben wird, versuchen gerade die LKW-Fahrer Brasiliens Geltung zu verleihen, mit großem Erfolg übrigens.

Klar die Spätfolgen eines gravierenden strategischen Fehlers etlicher brasilianischer Regierungen, zuletzt nach dem 2. Weltkrieg, als man in Brasilien weitere Autobauer wie Mercedes, VW und Scania (GM ist seit schon 1925 in Brasilien, Ford sogar seit 1919, Fiat erst seit 1973; Volvo war schon seit 1936 in Brasilien, zog sich Ende der 50er Jahre aus dem Land zurück und kehrte 1977 zurück) ins Land holte und den Schienenverkehr und die Binnenschifffahrt vergaß und alle Eier in einen Korb legte und dem Straßenverkehr für Personen- und Güterverkehr absoluten Vorrang gab.

Der Grund für den aktuellen Streik ist schnell erzählt; die Petrobrás lässt die Preise, die sie von den Raffinerien verlangt, in kurzen Abständen in Synchronie zum Dollarkurs steigen, was zu fast täglichen Preiserhöhungen oberhalb der Inflationsrate an den Tankstellen führt. Folge ist, dass die oft (ca. 23%) freien LKW-Fahrer, die mit ihren nicht gerade billigen Fahrzeugen ihren Lebensunterhalt verdienen, real immer weniger verdienen. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, streiken diese und legten damit das Land lahm. Die Regierung war vorgewarnt, schon letztes Jahr hatte der Sektor um Aufmerksamkeit und die Lösung seiner Kostenprobleme gebeten, das wurde aber ignoriert.

Der lähmender Boykott von 45 000 Transportunternehmern war 1973 der Anfang vom Ende des chilenischen Präsidenten Allende, dessen Land ähnlich wie Brasilien die Mehrzahl ihrer Güter über die Straße transportiert.

1984 sah es in Frankreich ähnlich aus. Damals schrieb SPIEGEL: „Kilometerlange Lastwagenschlangen in Eis und Schnee, Lagerfeuer am Rande der Autobahn. In den Wagen erfriert das Vieh, das für italienische Schlachthöfe bestimmt ist, in den Tankwagen versauert die Milch, Millionen von Eiern verderben in der Kälte, empfindliche Lebensmittel verkommen.“

Das erwähne ich nur, um zu vermeiden, dass der geneigte Leser meint, solche erpresserischen Aktionen kleiner Minderheiten gegen das gesamte Volk seien nur in Lateinamerika und hier vor allem in Brasilien möglich.

Und wer jetzt schnell, auch und gerade hier in Brasilien auf die Regierung Temer schimpft, dem müssen einige Dinge ins Gedächtnis gerufen werden:

  1. Das Monopol der Petrobrás stammt aus der Zeit der Militärdiktatur (Das Petroleum gehört uns!)
  2. Die Petrobrás schwach gemacht haben die Regierungen Lula und Dilma durch populistisch tief gehaltene Treibstoffpreise, die die betriebswirtschaftlichen Erfordernisse des Staatsunternehmens völlig unberücksichtigt ließen, und durch Diebstahl und Betrug, die der Petrobrás Milliarden Reais entzogen sowie durch eklatante Misswirtschaft
  3. Diese Misswirtschaft wird besonders deutlich, wenn man sich ansieht, wieviele Mitarbeiter Petrobrás hat (nicht beschäftigt! Sie kennen ja die Frage: Wollen Sie eine Anstellung oder suchen Sie Arbeit?) und was das Ergebnis ihrer Arbeit im Vergleich z.B. zu norwegischen Statoil ist:
Quelle: https://pt.linkedin.com/pulse/petrobras-um-cabide-de-empregos-como-shell-repsol-e-total-gauto 

Mit allen Tochterfirmen, darunter die Raffinerien, und per Dienstleistungsvertrag (Fremdvergabe) angeheuerten Mitarbeitern hatte Petrobrás Ende 2013 insgesamt 383.500 Beschäftigte, wegen der durch die PT-Regierung verursachte Finanzkrise des Unternehmens waren es dann Ende 2016 nur noch 197.000.

Heute zeigt der O ESTADO DE SÃO PAULO auf seiner Titelseite, was Sache ist:

Frei übersetzt:

WARUM ALLES STILLSTEHT
Warum die Lkw-Fahrer das Land erpressten
Warum die Regierung aus Inkompetenz zu spät handelte
Warum der Kongress den Wahlopportunismus vorzog
Warum Brasilien von den Autobahnen und den Lkws abhängt
Warum die Regierungspräsidenten (der Bundesstaaten) sich heraushielten
Diese Begründungen des Stillstandes kann man leicht erraten: 
Warum die Lkw-Fahrer das Land erpressten: Weil sie es können. Und schlimmer, weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeberorganisatoren des Sektors haben noch Einfluss auf die Lkw-Fahrer, der Streik ist ihnen entglitten und die Streikenden berauschen sich an ihrer Macht und vergessen dabei, welchen Schaden sie dem Land und seiner Bevölkerung zufügen. 
Warum die Regierung aus Inkompetenz zu spät handelte: Sie ist eben tatsächlich inkompetent und außerdem gelähmt von vielfältigen Interessengruppen durch deren offenen Widerstand gegen alle ihre Handlungen, so vernünftig und logisch sie auch sein mögen. 
Warum der Kongress den Wahlopportunismus vorzog: Weil im Oktober der Präsident und der Kongress gewählt wird und jeder wiedergewählt werden möchte, weil er keine Privilegien und Pfründe verlieren will und außerdem Angst vor dem Gefängnis hat – schließlich hat fast jeder Parlamentarier und Senator Dreck am Stecken.

Warum Brasilien von den Autobahnen und den Lkws abhängt: Weil kurzsichtige Regierungschefs und starke Lobbyisten vereint egoistischen Lösungen durchsetzten, ohne an die Zukunft denken (und wenn sie es taten, sagten sie „Nach mir die Sündvluot„!).

Warum die Regierungspräsidenten (der Bundesstaaten) sich heraushielten: Weil sie auf die Landessteuer ICMS, die den Treibstoff teuer macht, nicht verzichten wollen und sie außerdem noch nicht wissen, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird. Da ist es besser, auf der Mauer zu sitzen, als auf die falsche Seite zu springen.

Interessant, nachdem jetzt schon fast eine Woche trotz erfolgter Einigung (d.h. Annahme der meisten Forderungen) der Regierung mit den „Führern“ der Erpresser dieselbigen immer noch landesweit die Autobahnen blockieren, trotz horrender Strafandrohungen seitens der Regierung, Anweisung an die Militärpolizei (die bei uns für den Verkehr zuständig ist), die Halter der Fahrzeuge, die den Verkehr behindern, hart zu bestrafen und der Anweisung an das Militär, Blockaden notfalls mit Gewalt aufzulösen. 

Und, obwohl keine Tankstelle mehr Kraftstoff hat, viele Flughäfen ohne Kerosin für das Betanken der Flugzeuge sind, der Schulunterricht ausfällt, Ärzte nicht mehr operieren können und Krankenhäuser kein Insulin und keine Impfstoffe mehr haben, die Regale der Supermärkte leer sind, die Polizei aus Treibstoffmangel weniger auf Streife fährt, Zeitungen nicht mehr ausgeliefert werden können, der öffentliche Nahverkehr zusammengebrochen ist und sich andere Berufskategorien wie Motorradboten dem Streik anschließen, genießt der Streik die Unterstützung vieler Brasilianer. 

Diese Nachricht erhielt ich per WhatsApp: 
  • Ambulâncias, na maioria dos estados, não circulam por falta de manutenção há anos.
  • Cirurgias são canceladas TODOS os dias, por falta de leito, materiais, condições de trabalho e médicos, há anos.
  • Medicação fornecida de „graça“ está em falta, há anos.
  • E a culpa é de quem? 
Claro, dos caminhoneiros que pararam há 5 dias! 🙄🙄🙄🙄🙄 Copiei e compartilhei! Sigam em frente caminhoneiros !

Auf gut Deutsch: „In der Mehrzahl der Bundesstaaten zirkulieren seit Jahren keine Krankenwagen wegen fehlender Instandhaltung. Operationen werden seit Jahren jeden Tag gestrichen, weil kein Bett, kein Material, keine Arbeitsbedingungen und keine Ärzte verfügbar sind. Kostenlose Medikamente fehlen seit Jahren. Und wer ist schuldig? Natürlich die Lkw-Fahrer , die seit fünf Tagen angehalten haben. 🙄🙄🙄🙄🙄 Das habe ich kopiert und weitergeleitet. Vorwärts, Lkw-Fahrer!“

Und hieran – es gibt viele ähnliche Beispiele – zeigt sich die wahre Natur des Streiks. Es geht nicht um Dieselpreise, auch wenn die Brasilianer meinen, sie würden die höchsten der Welt zahlen. Brasilien liegt international im Mittelfeld bei den Treibstoffpreisen, auch wenn jetzt während der Krise in einem Fall 9,99 R$ für einen Liter Benzin gefordert wurde. Es geht um allgemeine Staatsverdrossenheit, um eine höchst unpopuläre Regierung, die zwar vieles will, was wichtig, gut und notwendig ist, sich aber gegen die Opposition – auch in den eigenen Reihen – nicht durchsetzen kann und keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat, weil sie Handlanger Lulas und Dilmas war und selbst tief im Korruptionssumpf steckt. Und es geht um Opportunisten, die ihr Mäntelchen nach dem Winde drehen und nach dem Motto „je schlimmer, um so besser“ versuchen, Kapital aus dem Chaos zu schlagen. Das Fehlen jeden Verantwortungsgefühls ist leider heute eine Volkskrankheit in Brasilien, die sich jeden Tag mehr ausbreitet. Und die nur durch Aufklärung und Hebung des Bildungsniveaus des ganzen Volkes wirksam bekämpft werden kann. Denn nur von Wissenden, die die Welt um sich herum verstehen und nicht an Verschwörungstheorien und Utopia glauben, werden die als Volksvertreter gewählt, die würdig und fähig sind, eine solche Position auszufüllen. Und nur solche Volksvertreter werden die Reformen umsetzen, die Brasilien so dringend benötigt.

Und das ist nicht nur meine Meinung. Lesen Sie BRAZIL: Outlook Is Uninspiring And Reforms Are Needed, IMF Says, hier finden Sie viele Argumente, die ich ebenfalls benutze. Hier der vollständige Text des Artikels: 
Brazil is still under a mild economic recovery, but the outlook for the future is „uninspiring“ if the country refrains from adopting structural reforms, according to the International Monetary Fund (IMF).


„The output gap is large, public debt is high and increasing, and, more importantly, medium-term growth prospects remain uninspiring, absent further reforms,“ the agency said in its country’s regular assessment report.

The Fund says that in a context of less favorable financial conditions abroad, Brazil should seek fiscal consolidation, „ambitious“ structural reforms as quickly as possible and a stronger financial sector architecture.

More Information
„This will require strong leadership and resolve. Recent measures, notably the ceiling on federal expenditures, and reforms of the labor and subsidized credit markets are welcome and should help boost confidence, but much more is needed,“ the IMF said.

The Fund suggests that monetary policy should remain accommodative in the short term to facilitate the economic recovery, since inflation is running below the central bank target. The fiscal adjustment „should accelerate“ and the exchange rate should remain flexible to absorb external shocks.

Der komplette Bericht des IMF ist natürlich umfangreicher. Wer mehr über die Meinung vieler Brasilianer über die Situation im Lande wissen möchte und Portugiesisch versteht, sollte den Blog von Prof. Marco Antonio Villa lesen. Hier ein Vortrag von ihm: 
Dieser Film zeigt die Reaktion auf Präsident Temers Erscheinen in der Öffentlichkeit:
Zusammen für ein besseres Brasilien:
Und zu guter Letzt: Auf dem Weg nach Brasília, um das Durcheinander jetzt schnell zu beenden:

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Bundeslied (Für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein)
Text von Georg Herwegh, Musik von Béla Reinitz
Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.
Und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst!
Sag, o Volk, was du gewinnst!
Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn –
Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht das Joch der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!
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